(I) Zuschlag im Bordbistro: Die Bahn, das Schutzgeld & die Menschenwürde
- 30. Mai
- 3 Min. Lesezeit

Die Bahn bewegt Deutschland vor allem in einer Frage: Wie lange darf ich im Bordbistro sitzen bleiben? In übervollen Zügen am besten ewig – hoffen Menschen ohne Sitzplatz-Reservierung. Aber stimmt das auch?
Wie hart ist die Bahn?
Wann schmeißen die mich raus?
Und was passiert, wenn aus Leidensgenossen im Zug plötzlich Sitzplatz-Rivalen werden?
Mit dieser Frage fischte die Bild wieder nach Klicks:
»Deutsche Bahn: So lange dürfen Sie im Bordrestaurant sitzen«
Wer sich dort auf der Webseite durch die dürren Zeilen quält, der merkt schnell: Eine Antwort bleibt die Bild wieder schuldig. Am Ende steht eine PR-Nebelkerze der Bahn und die Worte aus der Konzernzentrale bieten faktische Leere ohne jede Gewissheit:

Ja, das ist gerade noch so eine Stellungnahme, aber sie liefert statt einer Antwort viele Fragen. Im »Einzelfall« wird im Bordbistro die »richtige Entscheidung« getroffen. Für wen? Und wer richtet hier über die »individuellen Umstände«?
Die Bahn spricht nicht mehr über freundlichen Service, sie schreibt sich offenbar selbst einen Blankoscheck für Gastronomie nach der Stoppuhr. Der knochentrockene Klartext dazu sieht dann eher so aus:
Sitzt Du nach unserer Meinung zu lange, dann fliegst Du,
und die Zeit stoppt das Personal nach eigenem Ermessen.
Wie schnell tickt diese Uhr?
Tickt sie für alle gleich?
Wird der Zeitbonus je nach Körbchengröße besonders üppig berechnet – wohlwollend abgenickt vom Kellner kurz vor der Pensionierung?
Was kostet das Gnadenbrot dann für alle anderen?
Braucht es ein Schutzgeld von 14,90 Euro für totgestrahltes Mikrowellen-Gulasch, damit deine unsichtbare Parkuhr wieder »individuell« auf Null zurück springt? Ab wann eskaliert das gemütliche Kauen zum nackten Hinunter-Schlingen?
Beißt Du beim Croissant zu langsam, landest Du im Fadenkreuz des Personals. Und bist Du zu lange im falschen Takt, dann treiben sie Dich zurück in den überfüllten Gang. Schöne neue Bistrowelt! Mit dem stumpfen Schlagstock des Hausrechts im Nacken isst der eine oder andere vielleicht nicht mehr so entspannt.


Promi-Köche, die sich mal lukullisch, mal lustlos am Essen der Bahn abarbeiten – ist das schon die maximale moralische Fallhöhe im Bordbistro? Nein. Da geht leider mehr. Schauen wir dahin, wo es wehtut. In die Wirklichkeit!
Folgen Sie dem Autor in einen gnadenlosen Selbstversuch:
Teil II: Kafka & kalter Kaffee
Method Acting: So schreibt sich Markus Mähler mental ein auf sein Live-Experiment im Bordbistro. Kein Text, sondern ein klaustrophobischer Fiebertraum. Wenn Du dich ohne Reservierung erschöpft im Bistro an den kalten Kaffee klammerst, dann ist der Kellner mit der Stoppuhr nicht dein einziger Feind. Im hoffnungslos überbuchten Zug beginnt der Spießrutenlauf bei den verzweifelten Blicken der glücklosen Leidensgenossen. An der Tischkante tobt der Stellungskrieg. Und immer wieder branden neue Massen durch den Gang!
Teil III: 117 Minuten Verspätung, eine Zwangsübernachtung & der Endboss im Bordbistro
Stuttgart – Mannheim – Frankfurt: die Odyssee in den bürokratischen Kontrollkollaps. Endstation für jede Bahn-PR. Wenn der Autor nachts mit dem ICE strandet. Wenn er sich durch überfüllte Gänge wie durch Feindesland schlägt. Wenn er im Bordbistro auf den Endgegner trifft. Mehr als nur ein Schaffner! Ein DB-Veteran kurz vor der Pension. Ein knochentrockenes Original, das die Marketing-Etage zum Weinen bringt. Ein alter Mann, der die Maske der Höflichkeit abgerissen hat und dir die dreckige Wahrheit eiskalt vor die Füße rotzt. Oder den Kaffee.




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